Sense and Senility (eine Geschichte aus dem wundersamen Land der Theorien)

Im Angesicht einiger aktueller Gespräche und Erfahrungen, die man in letzter Zeit machen konnte geht es heute um Sprache. Ich werde versuchen nicht allzu sehr auf die Selbstverständlichkeit einzugehen, dass alle Kommuniaktion- und folglich auch jede Form ihrer Institutionalisierung als Sprache -höchst subjektiv ist. Dazu braucht man sich nur die Theorien eines Watzlawick, oder all die Kommunikationsmodelle durchzulesen, die durch die Elfenbeingänge fleuchen. All diese Gedanken haben ihren unbestreitbaren Wert, gerade was den Umgang und das Verständnis mit (Massen-)Medien geht.

ABER

Wie üblich geht sämtliche Theorie im Praxistest den Bach runter. Egal wie ausgefeilt, vielschichtig und allumfassend (in einem Wort: sophisticated) ein Gedankenkonstrukt auch sein mag, es wird eine Herausforderung, wenn das Konstrukt Otto Normal-Mensch erklährt werden soll. Zum Einen wird man den Kollegen/die Kollegin wohl nur schwer zum Zuhören bewegen können weil es den meisten langweilig/überflüssig/egal vorkommen wird zum Anderen sind die Modelle aber oftmals so komplex, dass man einen mehrstündigen Vortrag benötigt um auch nur Grundzüge der Angelegenheit in ihrem Gesamtumfang zu erfassen. Nur Akademiker und Studenten haben soviel Zeit. Die Frage die sich mir hier stellt ist, a) ob man den Gesamtumfang tatsächlich immer erfassen muss, b) was tun wenn nicht, c) welchen Sinn die Theoriebildung hat und d) welchen sie vielleicht haben sollte.

In kleiner Disclaimer vorneweg: Die folgenden Ausführungen sind durchaus überspitzt dargestellt und können so natürlich den angesprochenen Phänomenen und Institutionen in ihrer Gesamtheit nicht gerecht werden. (Hinweis: Blogname: …proklamation)

Die Theorien heutiger Wissenschaften haben einen Detailreichtum und Ausmaß erreicht, das manchem B.A. -Studenten über drei Jahre nichts als Einführungsveranstaltungen in Bereich X Unterbereich I-IX vorgesetzt werden, nur damit er ein grundlegendes Verständnis davon bekommt, was in seinem Fach womit warum gemeint wird. Dieses Wissen wird abgesehen von Klausuren und weiterführender akademischer Karriere so in der Form vermutlich kaum wieder gebraucht werden und maximal als ergänzendes Hintergrund-/Allgemeinwissen weiter gebraucht werden (abgesehen von Naturwissenschaften, logischerweise). Manchmal möchte man da dem Vorurteil der Überflüssigkeit mancher Sozial-/Geisteswissenschaft anheimfallen, ganz einfach aus dem Grunde, dass all diese Dinge nur über Umwege ihre Spuren in Politik und (Wirtschafts-)Realität hinterlassen und so von manchem als eitel Gedankenspiel abgetan werden kann. Muss aber nicht, zumindest nicht mit Recht.

Um zu Punkt a) zurückzukommen, muss eine Theorie immer in ihrer Gesamtheit von allen erfassbar sein? Sollte, ist aber unrealistisch. Natürlich müsste jeder Wissenschafter das Ziel haben seine Theorie von einer möglich breiten Masse verstanden zu wissen, aber die Metapher des Elfenbeinturms zeigt uns schon im Ansatz das Problem. Die Theorien werden von Mitgliedern der intellektuellen Elite aufgestellt, die sich vermutlich primär mir Teilen ihrer eigenen Kaste umgeben werden, ergo den Kontakt zu anderen Schichten eher unterdurchschnittlich pflegen werden. So weit, so natürlich. Wer von Wissenschaftlern umgeben ist, wird für Wissenschaftler schreiben. Gerade in den Naturwissenschaften gibt/gab es aber auch Leute wie Carl Sagan, oder Richard Dawkins (dessen Kreuzzug gegen die Gläubigen ja inzwischen manchmal fragwürdig rüberkommt), die es geschafft haben, ihre Disziplin auch für NormalmenschInnen begreiflich zu machen. Warum gibt es sowas nicht für uns Rest-Wissenschaftler? Und warum ist der Halbsatz „und schrieb zahlreiche populär-wisseschaftliche Bücher“ so negativ konnotiert? So unbegreiflich mir das Zweite ist, so logisch das Erste: weil es bei uns um nichts Konkretes geht, weil alles was wir zur Verfügung haben unser Anliegen zu erklären die Sprache (und ‚längere‘ Erklärvideos) ist. Und dazu muss man sich der Implikationen dessen bewusst sein. Mag sein, dass es tatsächlich Leute gibt, die es schaffen geisteswissenschaftliches in gemeinverständliche Worte zu fassen, aber ich zumindest kenne keinen. Wenn man will, könnte man das politische Kabarett als einen Versuch dessen wahrnehmen, aber auch das Kabarett ist vielleicht doch zu sehr am politischen Tagesgeschäft und dem elitären Publikum orientiert.  (Hier sagt our Darling Volker Pispers übrigens was nettes dazu)

Was tun wenn ein Verständnis in breitem Umfang und breiter Masse so nicht möglich ist? (b)) Es wenigstens versuchen, damit immerhin so viele Menschen wie möglich was davon haben. Ich habe es schlicht satt, dass akademische Bücher schlicht unlesbar sind, ganz zu schweigen davon, dass man die etwas interessanten Teile besagter Bücher durchschnittlich in einer Stundenzahl gelesen ist, die Kosten und Seitenanzahl absurd erscheinen lässt. Bei einigen Geisteswissenschaften mag das ja teilweise noch Sinn machen (da sind dann aber auch die interessanten Teile überdurchschnittlich lang), nur erklär mal einer einer 54jährigen Sekretärin den Sinn/den Nutzen der Soziologie. Kunstsoziologie! Man erkennt die Grenzen. Es sollte nicht nur versucht werden die Theorien zu erklären, sondern auch fudamental möglich sein die Essenz der Theorie auf ein verständliches Maß herunterzubrechen. Und wenn man dann eine Schnittmenge an Worten mit anderen Theorien von über 90% hat, dann… hat man eine gewisse Art von Notstand.

Welchen Sinn die Theoriebildung hat? (d)) Erkenntnisgewinn, Fortschritt, eine Verbesserung des Gemeinwohls von Allen. The greatest pleasure for the largest amount of people, wie Bentham einst (über die Wirtschaft!) so treffen schrieb. Am Gelde hängt, zum Gelde drängt… Das mag nicht immer gut, geschweige denn wünschenswert sein, wenn man es so will, hat selbst Ablenkung in Form von Kulturinsitutionen wie Theater, Film etc seinen wirtschaftlichen Wert für die breite Masse. Für mich klingt es sehr unangenehm und falsch das so auszudrücken, alles nur auf seinen Nutzen hin zu interpretieren (was zweifelsohne möglich ist) und damit den Selbstwert von Dingen und Taten schlicht zu ignorieren. Aber eine gewisse Relevanz für die breite (dumme) Masse sollte in jeder Theorie dann doch innewohnen, egal wie interessant sie einem persönlich erscheinen mag. Es mag brilliant sein, Kunst vielleicht sogar. Aber brotlose, zumindest im Idealfalle.

Punkt d) wurde im Laufe der vorherigen Punkte bereits beantwortet. Was bleibt ist die Sprache. Sprache ist das Medium, das uns alle immer verbindet, sei es Bildsprache, Zeichensprache, whatever. Ich will Zielgruppenfixierung hier nicht verdammen, aber das Ideale ist immer, wenn man von allen verstanden wird, sei es im Theater, Autorenfilm, Nachrichtenspot, geschriebenen oder gesprochenen Wort. Insbesondere beim geschriebenen Wort ist es deswegen vielleicht notwendig, gerade im akademischen Bereich, wieder eine Sprache zu benutzen, die von allen verstanden werden kann, die von überladenen Symbolen so frei wie möglich ist. Jede Wissenschaft hat tausende für seine Bedürfnisse definierte Begriffe, die es Fachfremden (ergo 99,99x% der Bevölkerung (eingeschlossen: Akademiker anderer Wissenschaften)) de facto unmöglich macht Publikationen zu verstehen. Kultur ist eben nicht, was die Kulturwissenschaftler als solche definiert haben, Politik ist nicht in politics, polity und policy unterteilt und das schlicht und allein weil der Volksmund davon nichts weis. Begriffe sind, wie sie im Querschnitt der Gesellschaft verstanden werden, nicht mehr, nicht weniger. Dieses Mittel-Maß zu erreichen und zu erhöhen kann und muss neben der cutting-edge-Forschung der Naturwissenschaften das Hauptziel jeglicher Bildungseinrichtung sein. Andere Institutionen haben das begriffen, die Universitäten waren wohl etwas zu sehr damit beschäftigt sich selbst zu beweihräuchern. Dumm, das.

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Eine Antwort zu “Sense and Senility (eine Geschichte aus dem wundersamen Land der Theorien)

  1. in deutschland ist immer dieser habermas duktus drin… die amerikaner sind in dieser hinsicht „more relaxed“…

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